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Das alte Backhaus in Obstfelderschmiede
 
 


Als ich noch Kind war, gehörte das alte Backhaus zum täglichen Erscheinungsbild, das ich in der Erinnerung von unserem Ort habe. Sein Standort befand sich gegenüber der Alten Schneidemühle, die 1983 abgebrannt ist, genau an der die Stelle, wo später der Schmedder Konsum stand.



Das alte Backhaus in Obstfelderschmiede


Wahrscheinlich wurde es in Obstfelderschmiede schon Ende des 18. oder Anfang des 19. Jahrhunderts als Gemeinschafts-Backhaus erbaut, denn in vielen Dörfern entstanden damals solche Gemeinschaftsöfen. Brot wie wir es heute kennen, hatte sich zu jener Zeit als Hauptnahrungsmittel etabliert, aber Großbäckereien wie heute kannte man noch nicht. In jeder Familie musste deshalb selbst Brot gebacken werden. Einmal in der Woche, manchmal auch erst alle zwei Wochen wurde Brot gebacken, das dann in großen Steinguttöpfen aufbewahrt wurde, damit es möglichst lange essbar blieb.
Da in unserer Thüringer Heimat besondere Feste schon immer gern gefeiert wurde, gehörte auch das Kuchen backen im Vorfeld zum gepflegten Ritual. Nicht umsonst ist Thüringen für seinen guten Kuchen bekannt.

Da sich nicht alle Familien im Dorf einen eigenen Backofen leisten konnten oder wollten, bot es sich an, ein Gemeinschafts-Backhaus zu errichten. Natürlich wurde es auch durch die Dorfgemeinschaft finanziert. Es musste nicht groß sein, aber zentral liegen.

Und so wurde ein kleines Häuschen in Natursteinbauweise erbaut, das ein bisschen an das „Hexenhäuschen“ aus „Hänsel und Gretel“ erinnerte und das über einen langen Zeitraum zu einem wichtigen Kommunikationsort für die Bewohner von Obstfelderschmiede wurde.

Die Schwarza „lieferte“ die Steine für den Bau, und Schiefer für das Spitzdach gab es in den Schieferbrüchen der Umgegend auch zur Genüge. Holz wurde beim Bauen wegen der Brandgefahr im Inneren gar nicht und außen nur zur Verkleidung der Dach-Vorderfront verwendet. Deshalb waren auch die Außenwände überdimensional dick gebaut worden. Das kleine Fenster an der Seite zur Schwarza hin ließ nur wenig Licht in den Raum, der durch die Rauchgase immer verrußt war. Durch eine klobige, ca. 1,80 m hohe Holztür am Eingang war der Raum verschließbar.

An der Hauswand lehnten meist die langen aus Hartholz bestehenden „Schürstangen“ mit denen das brennende Feuerholz im Backofen mehrfach gewendet und verteilt wurde, damit der Ofen gleichmäßig hitzte.
Außerdem waren die „Backschuffeln“ (Backschaufeln), mit denen Brot oder Kuchen in den Ofen geschoben wurden, notwendige Utensilien im Backhaus.

Das Backhaus

war ein beliebter Kommunikationsort für Einwohner und Gäste (hier u.a. Herta Enders (die Greilings Herta), Anna Ludwig (die Glockens Anna) und Marta Jahn (v.l.) - An der Wand lehnen die Schürstangen


Eine Backschaufel in Aktion

Im Inneren des Backhauses, das nur aus einem ca. 5 x 7 m großen und etwa 2,80 – 3m hohen Raum mit einer Gewölbedecke bestand, in die der Schlot eingemauert war, nahm der Backofen etwa ein Drittel des Raumes ein. Er war aus Ziegel- und Schamottesteinen gemauert. Zur Auskleidung der Innenwände diente Lehm. Der Ofen beruhte auf einem Jahrhunderte alten Prinzip.

Ein einfaches Stein- oder Lehmgewölbe wird durch ein Holzfeuer erhitzt und strahlt - nachdem die Restglut entfernt bzw. an die Seite der Backfläche oder rings um das Backgut geschoben wurde - seine gespeicherte Wärme auf das Backgut ab. Vorteile dieses Ofenprinzips bestehen in seiner einfachen Bauweise und im besonderen Geschmack des Brotes durch die direkte Berührung mit dem Holzfeuerraum.

Der Backofen war mit der Rückwand des Backhauses durch Mauerwerk fest verbunden. Links und rechts neben dem Backofen gab es Abstellflächen für die Brote oder Kuchenbleche. Unter diesen tischähnlichen Gestellen wurden auch die zum Heizen notwendigen Reisigbündel gelagert.

Zur Brotherstellung selbst wurde eine Hefemischung, der Sauerteig, verwendet. Das war ein Teig, der mit Hilfe von Milchsäurebakterien in Gärung gehalten wird. Das
dabei produzierte Kohlenstoffdioxid lockert den Teig auf. Dadurch verbesserten sich Verdaulichkeit und Geschmack des Brotes, aber es ließ sich auch besser schneiden.

Brotlaib in der Korbform

Der Brotteig wurde dann zum Brotlaib geformt und in eigens dafür hergestellte runde oder ovale geflochtene Formen gelegt. Darin wurden die Brote zum Backhaus und nach dem Backen wieder nach Hause transportiert.
Da jeder Brot zum Leben brauchte, herrschte über viele Jahrzehnte hinweg immer reges Treiben am Backhaus.



Fürs leibliche Wohl waren seit jeher die „Weiber“ zuständig, deshalb waren sie auch diejenigen, denen das Brot und Kuchen backen oblag. Als immer mehr Bäckereien in den Ortschaften entstanden, verlor das Brot backen im Backhaus mehr und mehr an Bedeutung.

Aber für das Herstellen der Festtagskuchen blieb der Gemeinschaftsbackofen noch lange eine sehr wichtige Einrichtung. Vor allem dann, wenn größere Feste, wie Ostern, Pfingsten, Weihnachten, nicht zu vergessen die „Körmse“, anstanden, kam Leben ins Backhaus. Meistens wurden Mohn-, Käse-, Apfel- und Pflaumenkuchen und natürlich „Krömpelkuchen“ gebacken.

Der Kuchenboden bestand meistens aus Hefeteig, der lange vorher schon „gehen“ musste und danach auf riesigen runden Blechen (wie ein Wagenrad so groß - ca. 70 cm - 90 cm) ausgerollt und mit oben genannten Zutaten belegt wurde. Auf einem Handwagen wurden die Kuchen dann zum Backhaus transportiert, auf einem extra für den Transport und die spätere Aufbewahrung des Kuchens gefertigten hölzernen Kuchengestell, in das man ca. 6 Kuchen schieben konnte. Dabei durften dann auch die Kinder helfen. „Kuchen auf dem Handwagen ziehen“ war eine sehr beliebte Tätigkeit, die aber nicht immer ungefährlich war, deshalb war Vorsicht geboten. Leicht konnte das Gestell vom Wagen und die Kuchen in den Dreck fallen (wie es unsere Mütter immer sagten), und dann war das Malheur passiert - oftmals zur Freude der anderen Kinder.

Oft halfen die Kinder (hier Dieter Ribbe, ehem. Lorbeer) beim Reisig sammeln und transportieren

Das Brot und Kuchen backen im Backhaus selbst war schon im Vorfeld immer eine Aufregung für die Frauen, denn man musste sich in ein Backbuch eintragen, das in der Zeit, die ich erlebt habe, Rosa Klinghammer bzw. die Eheleute Ernst und Rosa Wachsmuth in Verwahrung hatten.
Sie besaßen auch den Schlüssel, den sie unter strengster Kontrolle der jeweiligen „Backfrau“ übergaben und den diese nach dem Backen wieder bei der Rosa oder bei „Ernstens“ abgeben mussten.

Das bedeutete aber auch, dass sich die Frauen untereinander abstimmen mussten, wer zu welchem Zeitpunkt mit dem Backen an der Reihe war. Natürlich ergaben sich zwangsläufig Überschneidungen, die aber meistens friedlich geregelt wurden. Schwieriger war es jedes Mal, jemanden zu finden, der zuerst den Backofen anheizte, meist wollte niemand die Erste sein, da das Anheizen länger dauerte und dazu wesentlich mehr Reisig gebraucht wurde als beim weiteren Backvorgang. Man einigte sich letztlich darauf, eine bestimmte Reihenfolge festzulegen, die im Backbuch schriftlich verankert wurde.

Waren alle organisatorischen Dinge geregelt, konnte das Backen beginnen und - mindestens so lange, wie Brote oder Kuchen im Ofen waren - der öffentliche Gedankenaustausch zwischen den Frauen auch.
Leider musste das Backhaus 1955 den Bedürfnissen der neuen Zeit weichen, es wurde teilweise abgerissen und umgebaut, damit ein Lebensmittel - Konsum entstehen konnte, den es heute schon seit fast zwanzig Jahren nicht mehr gibt.

Keiner „kämpfte“ damals um dieses historische Kleinod, das so viel Geschichte und Geschichten in sich verborgen hielt. Erst viel später erkannten die Einwohner, dass mit dem Backhaus auch ein Stück bewahrenswerter Geschichte und eine lange Tradition des dörflichen Miteinanders verloren gegangen war. Schade!

Aufgeschrieben von Ingrid Müller , 10.09.2011

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